Warum sagt man, dass der Sonntag der erste Tag der Woche ist?
Im Alten Testament, nachdem Gott die Schöpfung in sechs Tagen vollendet hatte (Gen 1), sonderte er einen Tag aus: den Sabbat (Samstag), den siebten und letzten Tag der Woche. An diesem Tag war das Volk eingeladen, der großen Taten Gottes zu gedenken: der Schöpfung der Welt und der Befreiung Israels aus der Knechtschaft (Dtn 5,15). Ein Tag für Gott, um sich zu erinnern, dass alles von ihm kommt und ihm gehört (Joh 1,3).
Mit der Auferstehung Christi wird der erste Tag der Woche (Sonntag) zum Tag des Herrn. Denn am ersten Tag der Woche (Joh 20,1) ist Jesus von den Toten auferstanden.
Seine Auferstehung ist das zentrale Ereignis unseres Glaubens: das neue Pascha, der Tag, an dem wir durch seinen Sieg vom Tod befreit werden. Sie ist gleichsam eine Neuschöpfung der Menschheit, denn durch die Taufe sind wir mit ihr verbunden. Am ersten Tag der Woche erschafft Gott den Menschen neu: Das ist der Sonntag.
Warum ist die Messe so wichtig?
Der Sonntag ist für uns Christen ein wöchentliches Ostern: der Tag, an dem wir jede Woche die Auferstehung Jesu feiern. Darum ist der Sonntag immer ein Tag der Freude und des Festes. Selbst in der Fastenzeit ist er kein Tag der Trauer: Christus ist auferstanden!
Und wir feiern nicht allein, sondern als Gemeinschaft. Wir sind nicht einzeln gerettet worden, sondern als Glieder eines einzigen Leibes, den wir Kirche nennen (1 Kor 10,17). Darum versammelt sich die christliche Gemeinde am Sonntag.
Diese Feier ist keine bloße Erinnerung an ein vergangenes Ereignis. In der heiligen Messe wird das Geheimnis von Tod und Auferstehung Christi wirklich gegenwärtig: Wir empfangen wahrhaft seinen Leib und sein Blut. Die unersetzliche Mitte der Sonntagsheiligung ist die Messe, denn in ihr erfüllt Jesus seine Verheißung, „bei uns zu sein alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Das Wunder seiner Gegenwart unter den Aposteln am ersten Tag der Woche geschieht auch heute für uns.
Ist die Messe eine Pflicht oder eine Notwendigkeit?
Das sind die Gründe, warum die Teilnahme an der Sonntagsmesse für uns Christen verpflichtend ist. Die Kirche erinnert uns daran, dass das freiwillige Fernbleiben eine schwere Sünde ist[1]. Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte euch liebevoll daran erinnern – denn das gehört zu unserem katholischen Glauben. Doch von ganzem Herzen möchte ich euch einladen, neu zu entdecken: Es geht um mehr als eine Pflicht; es ist vor allem eine Notwendigkeit.
Ein Kind wird zum Essen angehalten – nicht aus Gesetz, sondern aus Notwendigkeit. So ist auch die Messe eine Notwendigkeit der Liebe: Christus ruft mich, er lädt mich ein, und die Liebe kann seine Einladung nicht ausschlagen. Wir brauchen ihn, wir brauchen diese Nahrung, die wir in der Messe empfangen. Welch ein Geschenk, ihm zu begegnen! Welch ein Geschenk, ihn in der Eucharistie zu empfangen! Und welch ein Verlust, darauf zu verzichten.
Wie kann man den Tag des Hern konkret heiligen?
Lasst uns nun schauen, wie wir den Tag des Herrn ganz konkret heiligen können.
Entdecken wir neu die zentrale Bedeutung der Sonntagsmesse als persönliche Begegnung mit Gott. Sie soll das Herzstück unserer Woche sein und Vorrang vor allen anderen Aktivitäten haben. In unserer Zeit ist es nicht leicht, den vielen kulturellen, sportlichen und familiären Angeboten zu widerstehen. Doch der Messe den Vorrang zu geben ist ein konkretes Zeugnis dafür, dass Gott den ersten Platz in unserem Leben hat.
Es ist ein Kampf – der Kampf der Treue. Erinnern wir uns an das Zeugnis der Märtyrer von Abitene, die im 4. Jahrhundert ihr Leben hingaben, weil sie zur Messe gegangen waren, und bekannten: „Ohne das Mahl des Herrn können wir nicht leben.“
Es ist auch Aufgabe der Pfarre, dafür zu sorgen, dass die Sonntagsmesse die Freude der Auferstehung sichtbar macht: durch eine sorgfältig gefeierte Liturgie, die Schönheit der Musik und die herzliche Gemeinschaft. Ich danke von Herzen allen, die sich dafür einsetzen. Zugleich müssen wir eingestehen, dass wir noch wachsen können. Darum richte ich einen Aufruf an unsere Pfarre und an alle guten Willens: sich im Chor zu engagieren, musikalische Talente einzubringen, bei den Lesungen zu helfen, im Altardienst mitzuwirken oder beim Pfarrkaffee mitzuarbeiten – all das sind konkrete Wege, den Sonntag gemeinsam zu heiligen.
Der Tag des Herrn ist ein Tag der Freude, denn wir gedenken der großen Taten Gottes. Darum soll der Sonntag auch in unseren Familien als Festtag sichtbar werden. Das gemeinsame Sonntagsmahl, besonders liebevoll vorbereitet und oft mit Familie oder Freunden geteilt, ist eine schöne Weise, die Freude der Auferstehung weiterzutragen. Zeit füreinander zu haben, zu spielen, Menschen zu besuchen, die uns nahestehen, oder die Schöpfung bei einem Spaziergang zu betrachten – all das hilft uns, aus dem rein utilitaristischen Rhythmus der Woche auszubrechen.
Das persönliche Gebet, das Gebet in der Familie am Samstagabend – etwa gemeinsam am Tisch oder beim Rosenkranz – sowie das Lesen des Sonntagsevangeliums am Vorabend sind schöne Wege, die Heiligung des Sonntags in unsere Häuser hineinzutragen.
Ein Anliegen liegt mir besonders am Herzen: eine Tradition, die verschwindet und doch einst unseren Glauben sichtbar machte – die Sonntagskleidung. Es ist keine oberflächliche Gewohnheit, sondern ein Zeugnis des Glaubens. Wenn die Messe eine Begegnung mit dem König der Könige ist, darf sich das auch in der Sorgfalt unserer Kleidung ausdrücken. Hier in Österreich haben wir die Gnade einer reichen Trachtentradition. Ihr am Sonntag wieder Bedeutung zu geben ist eine schöne Weise, den Platz des Glaubens in unserer Kultur sichtbar zu machen. Ich möchte euch ermutigen, den Sinn des Sonntagsgewandes neu zu entdecken.
[1] Katechismus der Katholischen Kirche N°2181
Don Armand d’Harcourt